Freitag, 10. August 2012

Ab unter's Messer!

Huhu, ich lebe noch! :) Bin nicht unter's Skalpell gekommen... oder unter die Räder der zahlreichen Motorrad-Fahrer, die mich jeden Tag überholen, wenn ich meine 3 km in die Stadt zum Krankenhaus radle. Nein, ich war nur sehr beschäftigt und auch ein wenig faul, geb ich zu. ;) Deshalb der späte Blogeintrag... doch ich verspreche, über's Wochenende wird's definitiv noch mehr zu hören und zu sehen geben. Denn da habe ich endlich Zeit für ein bisschen "Sightseeing", also Augen auf. :)
Meine Woche begann mit einem Besuch im International Cooperation Departement im Hue Central Hospital - oder besser gesagt dem "Bệnh viện Trung ương Huế". Ich wurde sehr nett empfangen, auch wenn die Verständigung mehr über Hände und Füße ging, denn das Englisch des guten Frau war doch eher dürftig. War aber kein Problem. Sie gab mir eine Liste der Abteilungen, die das Krankenhaus besitzt und ich durfte wählen, wo ich hin möchte. Wow, das waren viele, es ist wirklich riesig. Habe mich dann für 4 unterschiedliche entschieden, jede Woche etwas anderes: 1. Woche: Herz-Thorax-Chirurgie, 2. Woche: Abdominalchirurgie, 3. Woche: Neurochirurgie, 4. Woche: Gynäkologie. So mein Plan - vielleicht ändert sich auch noch etwas, mal sehen...
So, ab hier wird es nun medizinisch. An alle Nicht-Mediziner: ich versuche es, so verständlich wie möglich zu machen... einiges bleibt wahrscheinlich trotzdem ein Rätsel... quält euch einfach durch. ;)
Diese Woche waren also die Herzchirurgen am Werk. Empfangen wurde ich lustigerweise von einem vietnamesischen Anästhesisten, der recht gut deutsch spricht. :) (Gibt auch noch eine deutsch-sprechende Schwester, die mal mehrere Jahre in Leipzig war - wer hätte das gedacht?!) Er zeigte mir kurz das "Operation Theatre" und die "Schleuse" - welche eigentlich keine ist. Es gibt lediglich einen Gang mit 2 Umkleidekabinen, die immer offen stehen. Sachen gibt es bei den Frauen irgendwie nie, ich hab mir welche von den Männern gemobst - in die Hose pass ich 3x rein. ;) Überhaupt gibt es kaum Sachen, geschweige denn verschiedene Größen und die Schuhe liegen einfach im Gang herum. Während und nach einem OP-Tag sieht das dann etwa so aus:


Es gibt einen großen Vorraum, in dem man sich einwaschen kann. Von dem gehen 4 OP-Räume ab und der Zugang zur Herz-Thorax-Intensivstation. Es gibt nur Seife und Bürsten, Desinfektionsmittel ist rar und wird fast nie benutzt. Die OP-Räume sind jedoch sehr modern ausgestattet, fast vergleichbar mit unseren Standards. Die OP-Leuchten sind übrigens von der deutschen Firma "Martin". ;) Habe heute entdeckt, dass die Fenster mit Klebeband an den Kanten zugeklebt sind zum Schutz vor Ungeziefer, da diese hier in Vietnam eigentlich nie vollständig abschließen. ;) Auf Sterilisierung wird hier ebenfalls geachtet - nichts anfassen! Allerdings gibt es keinen Sicherheitsabstand zum OP-Bereich und so kommt es doch des öfteren vor, dass ein Arzt oder eine Schwester dem Chirurgen über die Schulter schaut und dabei die Hand auf dessen Rücken ablegt (der ja eh als nicht steril gilt)... Ohoh! :P Wenn es interessant wird, sind auch schnell mal 10 Köpfe übers OP-Gebiet gestreckt - 4 sterile, 2 hinterrücks und 4 von Anästhesisten-Seite zusammengekuschelt. Überhaupt ist im OP alles sehr locker, keine strenge Hirarchie wie bei uns, alle sind sehr freundschaftlich miteinander und man hat schnell mal einen Arm um die Schulter liegen. Handys haben Netz und werden auch regelmäßig im Saal benutzt - sowohl für SMS und Telefonate als auch zum Angry Birds spielen. Außerdem auch i-Pads und Laptops zum Zeitvertreib. ;)
Lernte am Montag im OP gleich einen Medizinstudenten aus England kennen - Aaron - der die Woche im gleichen Departement sein sollte (jedoch seine letzte, hat schon 2 weg). War super, denn nicht alle Ärzte können Englisch - was ja zu erwaten war (einige können Französisch, aber das ist eher eingerostet bei mir) und somit hatte ich immer einen Gesprächspartner. Uns wurde jedes mal Platz hinterm Anästhesistentuch gemacht - und mir ein Höckerchen hingestellt ;) -  und wir hatten den perfekten Blick aufs offene Herz. Wer Englisch kann, versuchte uns so gut wie möglich zu erklären, was denn gemacht werde. Aber auch ohne Erklärungen versteht man doch sehr viel und die OPs sind immer sehr eindrucksvoll. Es werden sowohl Erwachsene als auch Kinder und Babies operiert. Ein Arzt erklärte uns, dass es wegen einer großen Röteln-Epidemie letzten Jahres (und anderen Infektionen) sehr viele Malformationen am Herzens gibt. Wir sahen also: Fallot'sche Tetralogien, VSDs, ASDs, Mitral- und Aortenklappen-OPs, eine Bypass-OP und eine Karotis-Endareriektomie (ich hoffe, das lesen auch ein paar Mediziner :P). Am Mittwoch durfte ich dann bei einer Lobektomie der rechten Lunge assistieren - einer Resektion des Unterlappens, wo ein Ei-großer Tumor drinsaß. War super! ;) Aaron hat auch 2x assistiert. Da wir sehr viele Kinder die Woche über operierten, war leider nicht mehr Assistenz für uns drin - denn sie lassen uns nur an Erwachsene ran. Unsere Arbeitszeiten waren eher kurz: von 7:45 an, wenn wir die Vorbereitungen der Patienten im OP mit sehen wollten, bis 13 - 15 Uhr - je nach OP-Plan und Dauer. Donnerstag ging's mal bis 16 Uhr. Dafür machen die Herz-Thorax-Chirurgen jedoch keine Mittagspause, es hieß also: viel essen zum Frühstück und hoffen, dass man die Zeit übersteht. :)
Hier ein Bild von Aaron und mir heute:


Auf Station waren wir nur heute mal kurz - und da sieht man doch sofort, dass man fernab von zu Hause ist. Vor den Zimmern liegen um die 15 Paar Flip-Flops und Sandalen verstreut. In den Zimmern befinden sich 6-8 Betten, alle ohne Matrazen - die Patienten bringen selbst Holzmatten zum drauflegen aufs Gestell mit. Es scheint fast immer die ganze Familie anwesend zu sein, daher sind sowohl Zimmer als auch Gang völlig überfüllt. Um die Mittagszeit machen dann alle ihren Mittagsschlaf, auf Bett und Boden. ;) Und wenn Aaron und ich über den Gang gingen, drehten sich immer alle Köpfe zu uns. Ein bisschen unheimlich ist das schon...
Das war also meine erste Woche im Krankenhaus - verging wirklich super schnell. Bilder gibt es bisher leider kaum. Wir sollen keine Wertsachen mit ins Krankenhaus nehmen, denn einen abschließbaren Schrank habe wir  i.d.R. nicht und es wird doch schnell mal geklaut. Deshalb also erst Recht keine Spiegelreflexkamera. Habe ab heute aber meine kleine Digicam im Rucksack - ich pfeif auf das Risiko. Denn ohne Kamera verpasst man doch so einiges, wie ich feststellen musste. Habe daher kein Bild für euch von meinem aufregenden Mittwoch-Abend, sondern nur die Geschichte selbst. 
Aaron und ich wurden von einem Abdominal-Chirurgen - Hung (bei dem Aaron letzte Woche war) - nach der Arbeit zum Abendessen am Song Huong eingeladen. Da waren wir gleich wieder eine Attraktion, denn Touristen verirrten sich wohl eher selten dorthin. Wir saßen draußen am Fluss auf winzigen Plastestühlen, aßen gebratenen Mais, Tofu, Schweinefleisch, irgendwas mit Erdnüssen (?) und Brot und dranken dazu Unmengen von vietnamesischen Bier in Dosen - diese werden übrigens typischerweise, wenn sie geleert sind, einfach unter den Tisch fallen gelassen. ;) Dabei waren außerdem noch ein Freund und Englischlehrer von Hung mit seiner 12-jährigen Tochter (die bekam natürlich nur Cola) und noch 3 weitere Freunde/innen. Hihi, ihr kennt mich ja - ich und Bier... naja, Höflichkeit muss sein. Und es war gar nicht mal schlecht. ;) Nur füllte sich mein Glas immer wieder wie von Geisterhand, nachdem ich ein paar Schlucke drank. Und ich vertrag nicht grad viel... Angestoßen wurde um die 50x - kein Scherz, fast bei jedem Schluck - warum auch immer... Und dann musste ich auch noch mit dem Fahrrad nach Hause. :P War ein sehr unterhaltsamer Abend! Und auch wenn das eine oder andere englische Wort bei dem starken Akzent nicht zu verstehen ist (selbst nach mehrmaligem Wiederholen) - gelacht wurde trotzdem. :)
Die sonstigen Abende verbrachte ich zu Hause - es wird ja schon gegen 6 Uhr dunkel. Ans Schlafen musste ich mich erstmal gewöhnen - denn die Temperaturen in meinem Zimmer sinken eigentlich nie unter 30 °C, selbst bei offenen Fenster nachts. Ohne Klimaanlage eine Qual... naja, mein Ventilator läuft dafür dauerhaft. ;) Fürs mehrmalige in die Stadt und zurück fahren bei der Hitze war ich nachmittags leider zu bequem. Daher auch keine Bilder (Kamera übern Tag ja zu Hause)... :(
Dafür wird diese am Wochenende heiß laufen. :D Freut euch also drauf! Und ebenfalls coming soon: ein Video von der kleinen Jana auf dem Fahrrad in mitten der Motorräder. Heute Mittag nach der Arbeit war leider kaum was auf den Straßen los (Mittagsruhe) und ich will euch ja etwas bieten. ;)
Und ein weiterer Roman geht zu Ende...
Bis bald, eure Jana

4 Kommentare:

  1. Ich hab nur die Hälfte von deinem Medizinerkauderwelsch verstanden, aber es klingt sehr gelehrt. Werde es dann mal meiner Mutter zwecks fachmännischer Überprüfung vorlegen.
    Es grüßt die Nr. 9

    AntwortenLöschen
  2. Wir sind wieder in der Heimat und grüßen Dich von Oma Bienes PC, die wir heute Abend (Freitag) überfallen haben. Morgen geht es zur Omi Janne und dann ab nach Kreischa zurück! Wie Du siehst, haben wir die 6 Tage Hüttenwandern gut überstanden. Außer beim Aufstieg, wo wir ca. 2 Std. in monsunartigem Regen liefen und bis auf die Haut nass wurden, der Inhalt der Rucksäcke auch und einen reißenden Bach überqueren mussten, ist uns nicht passiert. Wir waren immer vorm Gewitter in den Hütten und haben unsere 10-Std.-Tour locker gemeistert (Gehzeit!). In der 2. Hütte konnten wir sogar Deinen vorletzten Blogeintrag lesen, da es dort freies Internet für alle Gäste gab (29-jährige Hüttenwirtin!)- na das war für uns in dem Moment super, wenn wir auch sonst auf Internet in den Bergen nicht angewiesen sind. Leider haben unsere SMS Dich nie erreicht und Du scheinst ja auch keine neue Nummer für Vietnam zu haben - oder? Naja, am Sonntag sind wir wieder erreichbar über skype, vielleicht können wir da mal was machen, z.B.20.00 Uhr für Dich (15.00 Uhr für uns???). Während Paps und Marcus sofort am Fernseher sitzen und Rest-Olympia gucken, habe ich erst einmal den neusten Eintrag gelesen - genial! Das ist bestimmt super spannend im KH, da bekommst Du auf jeden Fall schon mal einen großen Einblick! Nur ob Du allzuviel selbst machen darfst, wenn Du jede Woche die Station wechselst...??? Aber die Herzchirurgie hat schon was -stimmts? Wir wünschen Dir auf jeden Fall ein super tolles Wochenende mit vielen schönen Fotomotiven, lass Dir die Kamera nicht klauen und pass schön auf Dich auf. Wir sind oft in Gedanken bei Dir und stellen uns vor, was Du so gerade treibst. Von all Deinen Herdentieren ganz dolles Herdenknuddeln und halt die Ohren steif!!!!!!!!

    AntwortenLöschen
  3. Haha..ich kann mir das bildlich vorstellen..kommen sie mal ran junge Frau an den OP Tisch..ja genau, halten sie das mal..nee sorum..ja genauso ist es richtig..sehen sie..sie können das doch schon perfekt allein, besser können wir das auch nicht..wir machen dann erst einmal Mitagspause..viel Spaß..:D

    Hygiene wird ohnehin maßlos überbewertet und im Mittelalter gab es kaum mal Seife und dennoch ist niemand ausgestorben, außer vielleicht alle überpinglichen Menschen. Ich würde da wohl definitiv einen Anfall bekommen und in Ohnmacht fallen und mir weh tun und..nee lieber nicht..da müsste ich mich da auch noch unter diesen Umständen behandeln lassen..puh..ein Glück ich muss ja da nur Reisen. :P

    Aber es ist schon ein klein wenig bemerkenswert, dass euch die Ärzte erst abfüllen und dann auf die Patienten loslassen..dass sie sich die Köpfe nach euch verdrehen..kein Wunder..da haben eine heiden Angst, schließlich mag niemand mit einer Kopfbewegung nach links sein rechtes Bein ausstrecken oder beim Einatmen seinen linken Arm ausfahren..hehe..ich hab mich sowieso gewundert, wieso die Chirugen nie einen Plan oder Bauanleitung dabei liegen haben, wenn ich bedenke wie die MedicStudenten nur fürs Kurzzeitgedächtnis lernen. :D ;)

    Aber jetzt wirklich mal ernst, wenn du mir hier wegen den Medics zur Alkoholikerin wirst, dann wird das definitv in Hue ein wahnsinnig lustiger Aufenthalt..was heißt denn auf vietnamesisch jemanden die Leviten lesen. :P

    Solange du deinen Spaß hast drück ich aber bei all dem ein Auge zu..hihi..aber tu mir einen Gefallen,lass dein Handy wenigstens nicht im Patienten verschwinden, der Vibrationsalarm kitzelt doch doch :D..oh man ich sollte ins Bett gehen! ;)

    Ich freu mich schon so endlich auch Teil der Geschichte zu werden..:)

    AntwortenLöschen
  4. So Jana, nun hats auch ein Mediziner gelesen... und ich muss sagen, ich habe 4 von 6 Krankheiten gekannt... ist doch schon mal ganz gut für mein vorkliniksches Wissen;)
    Auf jeden Fall, klingt dein Alltag in Vietnam sehr interessant... da könnte ich mir tatsächlich mal überlegen sowas auch später zu machen:) Wenn sie mich in die Klinik lassen;)

    AntwortenLöschen